Abgetaucht: Canon EOS 5D Mark II mit Firmware 1.1

August 26, 2009 by
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Erster Eindruck

Beim auspacken kamen mir schon die ersten Zweifel ob eine solche Investition wohl wirklich sinnvoll ist, aber die Zweifel wurden schnell von der ersten Freude über ein massiv und solide verarbeitetes Gehäuse zerstreut. Die 5D Mark II liegt satt in der Hand und verspricht einem Zuverlässigkeit und Qualität.

Video oder Fotokamera ?

Vorab noch etwas zum Hintergrund meines Kaufs. Schon seit einiger Zeit habe ich über einen Nachfolger für die doch mittlerweile sehr betagte 300D nachgedacht und war eigentlich schon auf die 50D festgelegt als Canon zur Photokina 2008 die Mark II  vorstellte. Die ersten Preise waren noch etwas abschreckend aber man gewöhnte sich schnell an den Gedanken. Da ich fast ausschließlich EF Objektive besitze war bei einem Wechsel „lediglich“ ein „Immer drauf“-Objektiv zu berücksichtigen. Diesen Wunsch, so schien es mir, kam Canon auch sofort mit dem 24-105mm 4.0L als Kit Objektiv nach.

Die neue Kamera war für mich eigentlich primär eine Fotokamera und ich hätte sie auch ohne jegliche Videofunktion erworben. Mittlerweile hat isch meine Meinung hierzu grundlegend geändert. An dieser Stelle möchte ich Euch, aus der Sicht eines Unterwasserfilmers, etwas mehr darüber erzählen. Wer Tests und Erfahrungsberichte zu allen Kamerafunktionen und zur Fotoperformance wünscht wird über Google schnell fündig. Ganz unten findet Ihr auch einige Links zu nützlichen Seiten.

Framegrab: Canon 100mm Makro

Framegrab: Canon 100mm Makro

Aktivierung der Videofunktion

Die Video Funktion muss zunächst im Menü der Kamera einmalig aktiviert werden und es kann dann bei Bedarf über den“ Liveview“ -Knopf auf der Rückwand darauf zugegriffen werden. Das Bild auf dem Monitor wird dann oben und unten transparent maskiert sodass man das 16:9 Breitbildformat (bei HD) auf dem Display korrekt gestalten kann. Überhaupt besticht das Display mit einer grandiosen Qualität und lässt sich auch bei Sonneneinstrahlung sehr gut ablesen.

Durch den Druck auf die SET-Taste startet und beendet man die Aufnahme. Es ist übrigens auch möglich Fotos während einer Aufnahme zu schießen. Ob dies sinnvoll ist sei mal dahin gestellt.

Es stehen zwei Aufnahmeformate zur Verfügung: HD 1.920 x 1.080 (16:9) und SD 640 x 480 (4:3). Ich habe allerdings bisher nur HD ausprobiert und sehe auch für mich keine Verwendung des SD Formats. In voller Auflösung sind maximal 30 Minuten Clips mit einer Dateigröße von max. 4GB möglich. Als grober Richtwert können ca. 300-350MB Dateigröße pro Minute Film angenommen werden. Canon verwendet einen MOV Container mit H.264 als Videocodec und einer Tonaufzeichnung als Linear PCM Stream. Die Bitrate liegt bei über 40 Mbit/Sek. (variabel) und ist nicht einstellbar, bislang sind mir aber auch noch keine Kompressionsartefakte aufgefallen. In Summe kann man sagen, dass die Videoqualität wirklich sehr gut ist.

Autofokus im Videomodus

Nun kommen wir zu einem der Mankos aus meiner Sicht. Dem Autofokus! Bereits unmittelbar nach Ankündigung der Kamera ging es in den Foren hoch her, welche Funktion vom Autofokus der Mark II im Videomodus zu erwarten sei. Hier die Fakten. Es gibt drei unterschiedliche Modi welche frei wählbar sind. Effektiv ist eigentlich aber nur Einer.

1) AF-Quick

Grundsätzlich fokussiert die Kamera nur auf Knopfdruck des Users (AF-ON). Also nicht wie ein Camcorder sondern wie eine Fotokamera! Im AF-Quick Modus wird der Spiegel kurz hochgeklappt, fokussiert und dann wieder herunter geklappt. D.h. das Bild verschwindet für einen kurzen Moment. Bei gutem Licht geht dies sehr schnell und präzise.

2) AF-Live

Hier wird mit einem Kontrastautofokus gearbeitet ohne dass dazu der Spiegel hochgeklappt werden muss. Das Fokussieren dauert hier deutlich länger und neigt zum „pumpen“.

3) AF-Live mit Gesichtserkennnung

Wie 2 nur das hier noch eine zusätzliche Gesichtserkennung mit eingebaut ist.
Leider nur für Menschen und nicht für Fische…

Da das Ganze immer nur auf Knopfdruck erfolgt ist ein Nachfokussieren im Film (man stelle sich den neugierigen Delphin vor welcher um einen herum schwimmt) zwar technisch möglich, wird aber auf dem Video gnadenlos zu sehen sein (nicht flüssig, pumpen, verwackelt durch Knopfdruck). Ein manuelles Fokussieren über das Objektiv ist ebenfalls jederzeit möglich und sorgt bei dem heute bekannten (Überwasser!) Beispielfilmen für wirklich tolle Effekte.

Unterwasser

Nachdem ich nun einige Tauchgänge mit dieser Kamera hinter mich gebracht habe kann ich Euch folgende Ergänzung aus der Praxis geben.

Aufgrund des fehlenden kontinuierlichen Autofokus ist man auf die jeweilige Schärfentiefe des verwendeten Objektivs angewiesen. Der Schärfentiefenbereich (wie viele cm sind vor und hinter dem Fokuspunkt scharf) hängt maßgeblich von der verwendeten Blende (kleine Zahl, geringe Schärfentiefe und umgekehrt) ab.  Diese Bereiche seiner Objektive sollte man als ambitionierter 5D MK II Filmer ungefähr kennen und beim filmen berücksichtigen.

Von mir genutzte Objektive:

Canon 17-40mm

Ein sehr schönes Objektiv für diese Kamera, die Tiefenschärfe ist meist ausreichend um keine Probleme mit unscharfen Motiven zu bekommen. Z.B. konnten so Kamerafahrten an Riffwänden entlang oder eine Qualle im Freiwasser ohne Probleme gefilmt werden. Dieses Objektiv verfügt über keine Bildstabilisation. Verwackeln war aber auch kein großes Problem. Diese Brennweite lies sich gut freihändig nutzen. Ein sehr guter Allrounder; bei 40mm für schöne Porträtaufnahmen von Fischen oder Korallen zu gebrauchen, bei 17mm eine sehr schöne Weitwinkellinse mit großer Tiefenschärfe!

Framegrab: Weitwinkel mit Canon 17-40mm

Canon 100mm Macro teilw. mit vorgeschwenkter MacroMate

Kommen wir zum Extremen und zugleich meinem Lieblingsbetätigungsfeld. Einer meiner Hauptbeweggründe unterwasser zu filmen bzw. zu fotografieren war immer Dinge sichtbar zu machen welche mit bloßem Auge nicht zu sehen sind und der Nichttaucher auch nicht erwartet zu entdecken. Mit dem 100er Makro bietet Canon schon ein hervorragendes Werkzeug für solche Aufnahmen. Aber eine vorgeschwenkte MacroMate Linse treibt das Ganze auf die Spitze (Schärfentiefebereich im einstelligen mm Bereich!). Die Arbeit mit dieser Kombination war aber derart schwierig; das allerkleinste wackeln führte sofort zu unbrauchbaren Szenen; dass ich nach dem ersten Tauchgang auf dem Boot entschied „Nie wieder!“. Besonders erschwert wurde die Sache dadurch, dass das von mir verwendete Gehäuse keine Option für ein Stativ bot. Die Erleuchtung kam dann aber bei der Sichtung des Materials. HAMMER! Farbwiedergabe, Detailtiefe und Schärfe suchen ihres Gleichen. Natürlich habe ich damit weitergefilmt und letztlich wurde diese Kombination zu meinem meistgetauchten Setup. Am verwackeln musste ich halt arbeiten und die Übung machte sich bezahlt.

Das Kitobjektiv 24-105 konnte ich leider mangels Port bzw. Diopter nicht ausprobieren und daher auch nicht über die eingebaute Bildstabilisierung sagen.

Framegrab: Canon 100mm Makro

Framegrab: Canon 100mm Makro plus Macromate Nasslinse

Steuerung der Belichtung im Videomodus

Am 02. Juni geschah das von vielen erhoffte aber nur von wenigen für wirklich realistisch gehaltene: Canon veröffentlicht die Firmware Version 1.1 und diese ermöglicht die volle manuelle Kontrolle über ISO, Blende (es sind nun alle unterstützen Blenden möglich) und Shutter. Damit hat man nun die volle Kontrolle über diese Werte. Alle Einstellungen werden genauso wie im Fotomodus vorgenommen und gehen daher wie selbstverständlich von der Hand.

Untwerwasser ist ja immer wenig Licht und so sah es beim filmen wie folgt aus. Shutter auf 1/30 eingestellt. ISO auf 800 und nur über die Blende die Belichtung eingestellt. Der eingebaute Belichtungsmesser funktioniert gut und das sehr gute Display erlaubt es einem zuverlässig die Szene zu beurteilen. Dies funktionierte im Grünwasser von Schweden sehr gut und wird vermutlich in den Tropen durch eine Reduzierung der ISO auf 100 oder 200 ähnlich ablaufen. Das einzige Problem welches man bei dieser Kamera nämlich bekommen könnte(!) ist zuviel Licht.

Warum? Gleißende Mittagssonne auf dem Riffdach: Blende auf 32 ISO auf 50 und trotzdem muss die Verschlusszeit angepasst werden? Wenn man den Shutter nun höher als 1/125 oder 1/250 einstellt führt dies zunehmend zu stakatoähnlichen Effekten die wir nicht wollen. Die Einzelbilder werden dann einfach zu scharf und es sieht in der Wiedergabe unnatürlich aus. Überwasser werden dagegen ND-(Grau-) Filter eingesetzt. Unterwasser wird dass wohl niemand tun, da sonst andere, tiefere  Szenen aufgrund zu geringem Licht nicht mehr funktionieren. Aber ob dies unterwasser überhaupt ein Problem sein wird kann ich mangels „zuviel Licht“ noch nicht sagen. J

Weissabgleich

Ein weiterer sehr überraschender Punkt war der automatische Weissabgleich der Kamera. Während Sony Camcorder zu einem starken ausreißen der Farben in Freiwasser- bzw. Mischlichtaufnahmen tendieren, konnte die Canon 5d Mk II hier voll überzeugen. Der Unterschied war atemberaubend und letztendlich habe ich während der kompletten Tauchgänge KEIN einziges Mal einen manuellen Weißabgleich machen müssen. Wo hingegen dies bei (in den erwähnten Situationen) einem Sony Camcorder eigentlich Pflicht ist.

Um diesen Unterschied etwas mehr zu verdeutlichen habe ich ein kleines Vergleichsvideo angefertigt.

Vergleichsvideo Sony HC7 und Canon 5D Mark II

Firmware Erweiterung „Magic Lantern“

Seit Kurzem gibt es eine Firmware Erweiterung die speziell im Audiobereich einige zusätzliche Features implementiert. Auch ist die Möglichkeit vorhanden „Zebra-Stripes“ zu aktivieren. Ich selber habe diese Erweiterung noch nicht getestet.

Näheres unter: http://magiclantern.wikia.com/wiki/Magic_Lantern_Firmware_Wiki

Picturestyles

Für viele unbekannt kann man das Erscheinungsbild seiner Filme durch den Einsatz unterschiedlicher Presets für Picturestyles extrem beeinflussen. Zum einen hat Canon der Kamara bereits einige Picturestyles ab Werk mitgegeben zum anderen hat man mit der kostenlosen Canon DPP Software die Möglichkeit benutzerdefinierte Picturestyles zu erzeugen und auf die Kamera zu laden. Hierzu lohnt es sich ein wenig zu googlen bzw. die 5Dwiki zu befragen:

http://www.dvinfo.net/conf/canon-eos-5d-mk-ii-hd/143019-canon-picture-styles.html

Fazit

Aufgrund des sehr großen Sensors (Maße nicht Megapixel) hat eine Vollformat Spiegelreflexkamera einen erheblich kleineren Schärfentiefebereich als ein Camcorder herkömmlicher Bauart (aktuelle HD Modelle). Eine Veränderung der Blende macht sich bei der Mark II also deutlicher bemerkbar als dies bei einem Camcorder der Fall ist.

Der nicht vorhandene Dauer-AF kann in bestimmten Nahbereich-Situationen ein Problem sein und erfordert vom Filmer Umsicht. Mit der richtigen Objektivplanung kann man auch ohne kontinuierlichen AF gut arbeiten Bei sorgfältiger Handhabung und unter Berücksichtigung der Stärken und Schwächen liefert die Kamera  aber eine Qualität wie sie mit herkömmlichen Camcordern unerreichbar ist. Es ist aber definitiv keine Kamera zum „Draufhalten und abdrücken“! Durch die hervorragende Auswahl an Objektiven eröffnen sich den Filmern mit einer DSLR wirklich ganz neue Horizonte.

Die Erwartungen an die Bildqualität haben sich für mich auf jeden Fall erfüllt… Allerdings ist der Preis für Qualität die mangelnde Flexibilität. Ich muss mich halt vor dem Tauchgang entscheiden ob Makro oder Weitwinkel…. dieses Problem ist allen Spiegelreflex-Fotografen bestens bekannt und setzt sich nun beim filmen fort.

Nicht verschwiegen werden sollten noch zwei weitere Punkte dies es zu beachten/wissen gilt:

1)    Aliasing bzw. Moiremuster

Die 5D MKII neigt dazu bei bestimmten geometrischen Muster wie Hausdächern, Fischgrätmuster auf Sakkos, Panoramashots vom Meer (viele kleine Wellen) eigenartige Moiremuster bzw. Aliasingprobleme darzustellen. Dies ist im Web heiß diskutiert und Lösungen scheinen nicht in Sicht. Auch ist sich die Gemeinde“ noch nicht einig was es genau ist und woran es liegt. Unterwasser hatte ich diesen Effekt bislang nicht und man wird in mangels derartiger Muster wohl auch nicht sehen.

2)    Das Gehäuse

Start und Stop jeder Aufnahme kann bei der 5d MK II ausschließlich über die SET-Taste betätigt werden. Diese liegt etwas ungünstige rechts neben dem Display. Bei einem Gehäuse zum FILMEN mit dieser Kamera sollte man darauf achten, wie die Bedienung dieser Taste gelöst wurde. Ich hatte damit insbesondere bei den eh sehr schwierigen Makroaufnahmen schwer zu kämpfen. Manche Hersteller wie Ileite und Aquatica arbeiten sogar mit verlängerten Bedienelementen welche kein loslassen vom Handgriff mehr erfordern. Weiterhin wird für Alle mit Makrointeresse die Möglichkeit eines Stativs ungemein wichtig. Das Gehäuse Eurer Wahl sollte die Montage eines Stativs erlauben!

Zum Abschluss einige Linktipps:

cinema5d.com Englischsprachiges Forum zur Videofunktion der Canon 5D Mark II

planet5d.com Englischsprachiges Wiki zur Canon 5D Mark II

backscatter.com Englischsprachiger Bericht über die Unterwasserfähigkeiten der 5d Mark II

Comments

One Comment on Abgetaucht: Canon EOS 5D Mark II mit Firmware 1.1

  1. Adrian on Mo, 7th Sep 2009 11:51
  2. Hallo Christian,

    danke für den ausführlichen Bericht. Es bestärkt mich darin, dass ich mich weiter mit der Filmerei und der 5D Mark II beschäftige. Ich habe zwar das U/W-Gehäuse schon, aber leider fehlt mir noch die Kamera. :-( …und das, wo ich in ein paar Tagen nach Nuweiba fliege …

    Weiter so!

    Gruss,
    Adrian

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